Jetzt erst recht – Theater aus der Quarantäne

Bernhard Bub – Künstlerischer Leiter – antagon TheaterAKTion zur aktuellen Situation

Liebe Freunde von antagon TheaterAKTion,
an alle, die an unserer Arbeit interessiert sind und unseren Prozess als Freies Theater im öffentlichen Raum verfolgen.

Hier kommt jetzt das erste Mal in diesem Jahr eine offizielle Information über uns, wie es uns als Theaterkollektiv ergangen ist und es aktuell um uns steht.

Ihr werdet euch wahrscheinlich schon gewundert haben, über die Stille und das kaum etwas gesagt wurde, was denn Antagon macht in dieser Zeit der Pandemie, der Restriktionen, der wirklich einschneidenden Eingrenzungen, unter denen wir nun alle leben und arbeiten müssen.

Als „antagonistische Gruppe“ waren wir uns zunächst unsicher, wie ein System, das plötzlich zu restriktiven Maßnahmen greift, mit unserer Realität eines Kollektivs umgehen wird, das auch schon vorher oft zu Unverständnis, befremdende Reaktion bis hin zu Angriffen und Ausgrenzung geführt hatte. Denn in den Gesellschaftsstrukturen sind unsere Umsetzung von gemeinsamen Leben und Arbeitsformen so nicht angedacht und in die vorhandenen Schemen schwer zu integrieren … manche Vorstellung Einiger im staatlichen Krisenmanagement klangen bedrohlich.

Aber die Solidarität und Sympathie, die uns trotzdem umgibt, leider auch nur virtuell und per Bildkonferenz, ist auch in „Coronazeiten“ da. Wir sehen das als Reaktion auf unsere künstlerische und gesellschaftliche Arbeit, die nach 30 Jahren „unermüdlich und scheinbar unerschrocken“ ihre freie Umsetzung in der Darstellenden Kunst sucht und mit ihrer Performance in all diesen vergangenen 30 Jahren viele Menschen erreicht hat.

In einer Zeit in der fast alle von Isolation und Einsamkeit sprechen, sich auf virtuelle Formen in der künstlerischen Arbeit umorientieren und nun das Internet für das Zusammenkommen, das Produzieren und Performen nutzen, wollten wir zunächst nicht unsere scheinbar „besondere Situation“ präsentieren. Doch jetzt ist es wichtig diese Situation, die an manchen Punkten im krassen Gegensatz zur Realität verläuft, zu erklären….auch für uns ist die Perspektive finanziell und Autritts-technisch ebenfalls am Entgleiten.

Irgendwie eine ambivalente Situation, deshalb zunächst unser Schweigen, das vielleicht im Verlauf unserer Darstellung klarer wird.

Was also passiert mit antagon ….hierzu ein kurzer Bericht

Vielleicht fangen wir an da, wo die diese ganze Corona Situation anfing in Europa präsent zu werden. Ende Februar, das war ein Moment, in dem wir mit der ganzen Gruppe und vielen die in antagon dieses Jahr teilnehmen wollen, entflohen sind.

Nach Andalusien  zum Projekt „Hambre y Vida“ ging es, um dort mit unserem Theater zu arbeiten, dort unser Laboratorium zu realisieren, so wie wir es jedes Jahr gemacht haben.

Besonders jetzt, es sind 30 Jahre antagon, steht ein spezielles Jahr vor der Tür und wir reflektieren und denken darüber nach, wo wir herkommen, was wir wollten, uns hinterfragen nach all der Zeit.

Wir wollten erneut auf den Kern stoßen, unsere künstlerische Vision, das Kollektiv, die Gruppe, die Energie aus der heraus wir Theater machen und an den Punkt gekommen sind, an dem wir jetzt stehen mit unserer Praxis. Das stand im Mittelpunkt in unserem Arbeitscamp inmitten der südspanischen Berge, isoliert ohne TV und Internet.

Und so haben wir dort angefangen genau in diesem Sinne, mit den ganzen neuen antagon Anwärter*innen zu arbeiten und gemeinsam zu recherchieren, während aus der Ferne so langsam die ersten Einschätzungen zu dem Virus zu uns drangen. Alles drehte sich dort jetzt, weit weg von uns, um Corona und das was es jetzt bedeutet und was alles passieren muss.

antagon Hambre y Vida Workshop Andalusien

Das war Anfang März und es war zum Teil sehr haarsträubend was da kam, aber für uns, die Tag und Nacht in der Natur mit unseren Körpern, Gefühlen und künstlerischen Spirits zugange waren, doch nur sehr peripher präsent. Am 13. März gab es dann eine 3 stündige Abschlussperformance… das regionale Publikum sah und folgte uns im Gelände mit Abstand… kein Abschlussfest im Camp mit allen…wir blieben an diesem Abend unter uns.

Als wir uns dann am 14. März auf den Weg machten, alle in den Tourbus stiegen, um zurück zu fahren nach Deutschland, wild entschlossen die Saison zu beginnen, war plötzlich klar, das irgendwas wirklich krasses am Laufen war.

Als wir auf dem Weg zu Spanisch/französische Grenze unterwegs waren, konnten wir in den Nachrichten hören, dass die Schließung der Grenzen in Europa offen diskutiert wird.

Und was  dann tatsächlich auch so geschehen ist, denn am 16. in der Früh, quasi kurz nach Mitternacht passierten wir die Grenze nach Deutschland, die dann auch nur wenige Stunden später geschlossen wurde.

D.h. wir kamen mit unserem Tourbus, mit 25 Leuten in Frankfurt an, fuhren auf unser Kultur-Gelände, schlossen das Tor und hingen ein Schild auf, das der Status, nämlich der gewohnte öffentliche Zugang zum unserem Künstlergelände zunächst beendet ist.

Wir hatten sofort verstanden, dass es jetzt um den Umgang mit der Situation einer Pandemie geht, in der wir uns als Gruppe und als Theater, das zusammenlebt, organisieren müssen.

Da wir quasi aus einer über 2 wöchigen isolierten Lebenssituation kamen, konnten wir eine Erkrankung ziemlich ausschließen und uns in die Gruppenquarantäne begeben.

Trotzdem wollten wir unter diesen Umständen auf alles vorbereitet sein, auch das z.B. jemand von uns erkrankt oder die Symptome zeigt, in der Gruppe isoliert werden kann, um in jedem Fall zusammenbleiben zu können. Wir waren sofort entschlossen, uns als Gruppe zu schützen, auch wenn viele Maßnahmen die verlangt wurden übertrieben wirkten. Zunächst mussten wir die Bedingungen unter uns klären, vor allem für all diejenigen, die in Spanien dabei waren und in Zukunft, auch in dieser Situation hier mit uns arbeiten wollen. Das bedeutete, in dem Ensemble antagon auf unserem Gelände zu bleiben, zu arbeiten und als Kollektiv organisiert zusammen zu leben …auch für eine unbestimmte Zukunft.

Und genau so haben wir das auch getan, denn wer gehen wollte, konnte das. Dies führte zu sehr klaren Entscheidungen zwischen uns und am Ende waren wir 20 Leute im Ensemble plus unsere Kinder, plus alle die auch noch dazu gehören und hier leben.

Und was haben wir getan?

…. das was wir für dieser Zeit sowieso geplant hatten, nämlich unsere Arbeit mit Theater und Tanz fortzuführen.

Insofern, gab es bis hier hin keine große Veränderung für unsere Realität, nur das wir Stück für Stück realisierten, dass wir wahrscheinlich eines der einzigen Theater sind, das in Deutschland als komplettes Theaterensemble in dieser Form zusammen existieren kann.

Es wurde auf einmal sichtbar und für alle hier ein Fakt, dass wir ein Ensemble sind, das aus einem künstlerisch kollektiven Anspruch nach 30. Jahren aus einem Lebens – Arbeitskontext heraus, jetzt mit dieser Vision Theater machen und performen kann,…. dass dies jetzt eigentlich die Lebens und Arbeitsform ist, die in so einer Situation mit am besten damit umgehen kann, denn wir sind zusammen und absolut arbeitsfähig. Sogar im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, konnten wir jetzt sehr intensiv anfangen miteinander zu proben, da ja niemand dieses Gelände verlassen konnte. Wir waren über ganze Tage hinweg in den Trainings komplett, d.h. 20 Leute waren im Raum am Trainieren.

Das Ganze passiert mit Livemusik, denn das gehört bei antagon zur Theaterarbeit dazu, für einen ergebnisreichen und besonders intensiven Prozess.

Wir haben dann beschlossen, das wir, egal, was dieses Jahr bringt, egal wann wir miteinander spielen und wann wir auftreten können, die Zeit nutzen werden, unsere Stücke und Produktionsprozesse aufzunehmen und vor Allem an unseren historischen Stücken zu arbeiten im 30. Jahr unseres Bestehens.

Wir wollten diese vergangenen Produktionen wieder aufzunehmen, da dies mit unserer Geschichte und da wo wir herkommen zu tun hat.

Neben der Körperarbeit und dem Trainieren und Forschen, erschien uns TIME OUT als die Produktion, die jetzt wieder einen aktuellen Bezug hat, und gespielt werden muss, auch und gerade weil sie fast 20 Jahre alt geworden ist. Eine Produktion mit der wir 2002 raus-gekommen sind und nun als erste Produktion zur Wiederaufnahmepremiere bringen wollen. Und zwar am 8. Mai, 75 Jahre nach dem Sieg über den Faschismus, jetzt im „Coronajahr“.

 

An diesem Tag werden wir hier dieses Stück auf unserem Gelände aufführen, denn auch wenn der öffentlichen Raum im Moment abgeschlossen ist, nutzen wir unsere Performancefläche unter freiem Himmel auf unserem Kulturgelände, so wie wir es jedes Jahr getan haben und sind dabei unsere Bühne, unsere technische Anlage, das Licht und Sound einzurichten.

Schon seit Tagen finden Durchlaufproben statt, in denen das diesjährige neue Ensemble, d.h. antagon mit  neuen Mitgliedern zusammen, die erfolgreiche TIME OUT Produktion (2002 – 2016 über 150 Auftritte) wieder zu Leben erweckt.

Am 8. Mai um ca. 21.30 wird der Live Sound auf unserem Gelände wieder erklingen, mit einer neuen Band und auch mit alten Bekannten. Da nach wie vor unser Gelände geschlossen ist, werden wir vor 4 Kameras, die mitlaufen, auftreten. Die Idee ist es, das Ganze so gut wie es geht live aufzunehmen und auch live zu schneiden und im Internet zeitgleich auszustrahlen, über einen LIVESTREAM, so dass alle die nicht hier sein können und daran interessiert sind, zuschauen und virtuell dabei sein können.

Foto: Barbara Walzer

Es ist natürlich auch eine Premiere für uns im Internet, mit der wir erforschen wollen, ob dies überhaupt eine Möglichkeit ist, mit der wir in Zukunft weiter arbeiten können.

Wir sehen natürlich den Widerspruch für ein Theater, das ohne Publikum auftritt, reduziert auf die Dimension eines Bildschirms, ohne den wahrhaftigen Moment, der uns genauso mit dem Publikum verbindet, wie er die Zuschauer*innen berühren soll.

Es ist und bleibt ein Experiment, mit dem wir präsent sein können, auch weit über die Grenzen von Rhein/Main hinaus bis in die Welt, in der antagon unterwegs war und auch teils recht bekannt ist. Natürlich sind wir gespannt was passiert, wie die Reaktionen sind und können mit Sicherheit eines zeigen: Das wir da sind und real miteinander arbeiten, als Gruppe, als Theater an der Zeit dran sind und unsere Ideen eins zu eins in ein performatives Ergebnis umsetzen.

Auch wenn sich für uns die Frage nach der finanziellen Perspektive stellt und auch wann wir überhaupt damit wieder im öffentlichen Raum auftreten können, der für Alle zugänglich ist,  sind wir selbst in einem sehr positiven Modus, da wir zusammen proben und performen.

Wir solidarisieren uns mit all den Kolleg*innen, die meist daheim isoliert sind, weg von ihren Theatern, ihren Kolleg*innen, den Bühnen und Arbeitsräumen und auch all den anderen Bereichen, die damit zusammenhängen. Wir fordern existenzielle Lösungen für alle im Kultursektor, der ebenfalls ein Risikopatient mit Vorerkrankungen ist, denn die meisten von uns, die Freien  Kulturschaffenden, haben schon vor Ausbruch der Pandemie existenziell gelitten. Der „Kultursektor“, d.h. all die Menschen, die dahinter stehen, dürfen nicht  weitere Opfer dieser Seuche und deren Auswirkungen werden. Sie alle haben eine wichtige Rolle in der Gesellschaft getragen und sind auch jetzt deutlich sichtbar in ihrer kreativen Interaktion, die auch in der Einschränkung die Menschen weiter versucht anzusprechen. Sie werden auch in der Dramaturgie dieser gesellschaftlichen herausfordernden Realität am Ende vermutlich eine noch weitaus wichtigere Rolle spielen: nämlich in der notwendigen Aufarbeitung, Rückbesinnung und Hoffnung auf ein gemeinsames würdiges Leben.

All dessen sind wir uns bewusst, auch wenn wir selbst eine sehr intensive Zeit in künstlerischer aber auch in kollektiver Hinsicht erleben. Irgendwie beweist sich für uns der Ausspruch mit dem antagon vor 30 Jahren losgezogen ist, der da lautete: „nur Gruppen und Stämme werden überleben“. Dies stellte für uns damals die Basis dar, aus der heraus wir mit Theater anfangen wollten zu arbeiten, als Teil des künstlerischen Prozesses, der in der Produktion unserer Theaterstücke bewusst Einfluss nehmen soll. Es ist eine eigene, besondere und erfolgreiche Form von Praxis entstanden, ein Weg der in den 30 Jahren unsere Existenz gezeigt hat, dass unsere künstlerische Qualität weit über die nationalen Grenzen hinaus unser Publikum und Kulturveranstalter überzeugen konnte.

Gerade jetzt fühlen wir uns sehr verbunden mit all den Menschen, die mit uns in Verbindung stehen und danken vor allen Dingen all denen, die zu unserem Projekt beigetragen haben. All die Mitstreiter*innen, die antagon ermöglicht haben, sind gerade jetzt hier präsent.

Nicht nur die „Alt-antagonen“, sondern all die „Neuen Dazugekommenen“, die jungen und junggebliebenen sind in der täglichen Arbeit in Berührung und in Auseinandersetzung mit dem Projekt, den Stücken und in der Vision tief verbunden… mit all den Kämpfen und Menschen, die antagon an den Punkt gebracht haben an dem wir heute sind.

Das antagon Ensemble ist trotz der Ungewissheit an dem guten Punkt, jederzeit loszulegen zu können und die Straße und Plätze wieder zu füllen, mit unseren Theaterproduktionen, Performances, Kunstaktionen und all den anderen Projekten, an denen antagon mitwirkt, wie z.B. die Sommerwerft und all die anderen Festivals von Protagon Freunde und Förderer Freier Theateraktionen e.V.….auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen und auch nicht der letzte Tanz getanzt.

 

Bernhard Bub

04.05.2020