Ein kurzer Brief zu einer langen Verbundenheit – zum 30. Jubiläum von Theatre en Vol


Es ist jetzt mehr als 30 Jahre her, als ich dich, Michele, das erste Mal traf. Wir haben zusammen gelernt und gesucht,
was freies Theater sein kann. Ein Bild aus dieser Zeit, das ich im Kopf habe, erinnert an den Sommer 1989, als wir
mehrere Tage bei Teatro Nucleo in Ferrara auf der Bühne freie Improvisation trainierten. Diese und weitere
Grundlagen der Theaterarbeit haben wir danach unabhängig voneinander in eigenen Gruppen entwickelt und gelebt,
Du in Italien, ich in Deutschland. Unsere Wege führten in unterschiedliche Regionen Europas, unsere Vision ging in
die gleiche Richtung:
Wir sind auf der Jagd nach der poetischen Dimension des Moments, getrieben von der Vorstellung, dass unsere
Theaterarbeit im öffentlichen Raum, die soziokulturellen Projekte/Aktivitäten unsere Lebensräume zu Freiräumen
transformieren können. Für diese Momente und Zeiträume, die wir schaffen, in denen sich Menschen in Ihrer
Vielfältig- und Einzigartigkeit treffen und erkennen können, stellen wir das Leben durch kritisches Spiel in den
Mittelpunkt.
Das haben wir gemeinsam. Und, Du und ich leiten zudem je ein freies Theaterkollektiv, ich seit 29 und du seit 30
Jahren, und sind heute noch aktiv in unseren Ensembles und den unterschiedlichen Kultur- Projekten und
gesellschaftsrelevanten Arbeiten.


Auf euer 30 jähriges Jubiläum


Mein Respekt und meine Bewunderung gilt all jenen, die diese Prozesse samt der Verantwortung auf sich nehmen
und mit ruhiger Stimme sagen „Lasst uns losgehen“, und das auch machen. So sehe ich auch euch, Michele und
Puchio, wie ihr zusammen mit Vielen, die seitdem mit Theatro en Vol auf dem Weg waren und immer noch sind,
einst losgezogen seid. Ihr könnt auch einen langen Weg zurückblicken, einer sehr gradlinigen Idee, die in ihrer Praxis
mal holprig mal verschlungen war. Ihr habt durchgehalten, gestärkt durch den Traum, den ihr in euch tragt. Für
euer Durchhalten meine Bewunderung, für den Traum, den ihr in euch tragt meine Liebe und für all die
unermüdliche Anstrengung mit der ihr all das Schaffen konntet Dank und Respekt.
Ich weiß, dass es euch immer um mehr ging, als „nur“ gute Kunst zu produzieren und wahrhaftiges Theater zu
zeigen; es geht auch darum, das Ritual des Theaters an alltägliche Orte zu bringen, an denen gesellschaftliche
Kulturerlebnisse eher ausgeblendet oder auf Waren- und Konsumverhältnisse reduziert sind. Die großen
Möglichkeiten der Darstellenden Kunst mit all ihren Facetten im öffentlichen Raum sollen sichtbar werden.
Girovagando, euer Festival in Sassari, ist ein beispielhaftes Projekt und steht für kreativen Ideenreichtum und die
kulturellen Möglichkeiten, die ihr auf die Straßen und Plätze getragen habt und hoffentlich noch lange tragen
werdet.


Zusammenarbeit und Produktion mit unseren Ensembles


Erst 2014, nach 25 Jahren, begannen wir mit unseren Ensembles konkret in künstlerischen Austausch zu gehen.
Theatro en Vol kam zu Besuch nach Frankfurt in unseren Theaterkollektiv. Gemeinsam erschufen wir Gernika als
große Straßentheaterproduktion. Ich erinnere mich noch, das wir in dieses Stück leicht hineinfanden, waren uns
doch die Formen und Arbeitsweise bekannt und euer Konzept von Theater klar…ein Schaffensprozess in dem wir,
das antagon Ensemble mit eurer Gruppe Freund*in wurden.
Die Premiere und eine weitere Aufführung präsentierten wir dann auf unserem Festival Sommerwerft, zu dem
insgesamt 4.000 Menschen kamen. Dieses berührende und aussagekräftige Stück, das unter eurer Regie entstand
und die Greultaten des Luftangriffs 1937 durch die deutsche Legion Condor im spanischen Gernika zum Thema hat,
haben wir mit großer Anteilnahme mit Euch gespielt.
Im gleichen Jahr dann, 2014 kamen wir, über 20 internationale Künstler von antagon TheaterAKTion aus Frankfurt,
mit unserem Tourbus auf die sardische Insel, um gemeinsam die Produktion Gernika aufzuführen.

Weitere Projekte kamen jetzt schnell hintereinander, denn wir hatten beide was wir gut gebrauchen konnten: Eigene
Festivals in unseren Regionen und gleichzeitig unsere Theaterproduktionen.
Ein reger Austausch begann, der uns jetzt öfters nach Sardinien und Theatro en Vol in die Wirtschaftsmetropole
Frankfurt auf das Sommerwerft Festival neben der Europäischen Zentralbank führte. Größer konnte der Unterschied
dieser Spielorte nicht sein, denn antagon spielte im Gegenzug auch in den Vororten Sassaris in den Gassen vor
wenigen Menschen, die nicht weniger begeistert unser Theater erlebten, als die Massen die auf dem Großstadt-
Festivalgelände herbeiströmten.
Es war in der Tat “the Beginning of a beautiful friendship” zwischen zwei Theatergruppen, die an so
unterschiedlichen Orten entstanden sind und doch so viel gemeinsam hatten.


Theater im öffentlichen Raum als Überzeugung


Insbesondere, dass wir beide als Theatergruppen die Verantwortung für ein großes Festival in unseren Städten
übernommen hatten und als Theatermacher*innen selbst den Geist und das Konzept dieser kulturellen Freiräume so
bestimmen, bedingt auch einen konstanten Verteidigungs-Kampf um die Verwirklichung. Denn wir arbeiten unter
den Bedingungen einer „Theaterndustrie“ die mehr und mehr Teil eines Unterhaltungs- Marktes geworden ist, in
dem sich Ziele verschieben und Stadt- und Kulturevents das Theater oft nur buchen um sich bunter zu gestalten.
Theater im öffentlichen Raum wird oft mit Unterhaltung und Volksbelustigung gleichgesetzt. Die andauernden
Kämpfe um die Wahrnehmung und Unterstützung einer unkommerziellen und gesellschaftsimmanenten
Theaterarbeit sind ein Teil unserer Arbeitsrealität und für unsere Projekte hier in Frankfurt ebenfalls gut bekannt.
Besonders wenn es nicht um das Privileg der Kunst an den großen Theaterplätzen geht, sondern es auch um Theater-
und Kulturprojekte geht, für diejenigen, die am Rande unserer Gesellschaften leben.
Wir wollen ein Theaterangebot für Alle, das die unterschiedlichen Kulturen verbindet und erforscht, Impulse aus den
fernen Völkern und Kulturen aufnimmt und Vielfalt spiegelt. Völkerverständigung, da wo Worte oft nicht helfen und
es um Spüren und Verstehen geht, denn wir sehen z.B. auch die Menschen, die an den Küsten stranden und in den
Großstätten ankommen und eine Herausforderung für uns in der Darstellenden Kunst sind.


Im Kollektiv arbeiten


Eine weitere Gemeinsamkeit ist sicherlich auch die Suche nach Prozessen in unseren Gruppen. Inspiriert von den
kollektiven Formen, mit denen einst die Bewegung des Freien Theaters loszog, also gemeinsam unsere Themen und
Produktionen zu erarbeiten, auch wenn die Regie und Leitung wichtig bleibt, sind wir aus meiner Sicht an dieser
ursprünglichen Vision drangeblieben und haben es in unserem Theater, den Ensembles, dem Spiel und den Inhalten
weiterentwickelt.
Wir stellen uns einer sich verändernden Welt, medial virtualisiert mit wachsendem Individualismus, Abgrenzung und
Entfremdung mit der Sprache des Theaters. Wir bearbeiten die Themen, erforschen Räume in denen andere
Realitäten entstehen, oder die Aktualität deutlich und scharf wird. Räume in denen wir uns mit Allen treffen
können, gemeinsam erfahren, kritisch und bejahend ….das Leben in den Mittelpunkt stellen.
All das sehe ich mit meinen antagonistischen Verbündeten in Theatro en Vol … in euch Michele und Puchio, Maria
Paula und die Vielen, die wir kennenlernen durften und die hier keine Erwähnung fanden.
Bleibt so, bleibt stark
Kraft, Liebe und eine nie endende Hoffnung und Sehnsucht nach diesem Moment einer Poetischen Dimension….
Bernhard Bub – antagon TheaterAKTion im Juli 2019

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